Aua1439P: Straßenhunde: Guter Wille statt Prägung? Ein Gastbeitrag von Nina Taphorn

 

{TS-Kritik}

[im DNPA erschienen: 30.10.14; online verfügbar ab: 19.12.2014]

 

Mit etwas Verzögerung reicht die DN-Redaktion einen Gastbeitrag von Nina Taphorn zum wichtigen Thema Prägung bei Hunden nach. Anlass zu Taphorns Ausführungen war der gefühlte 79.000te Fall eines in Deutschland entlaufenen Straßenhundes: die Hündin Sarah aus Bulgarien (vg. TL144/14 in DNTageslinks 2014 und hier).

Nina Taphorn erfasst mit ihrem Kommentar das Grundübel und die große fatale Lüge der Auslandstierschützer: Für nicht auf Menschen geprägte (Straßen-)Hunde kann es nie ein stressfreies gedeihliches Zusammenleben mit der von den meisten Menschen so sehr gewünschten großen Nähe zu ihren Hunden geben! Prägedefizite sind nicht heilbar. Diese Hunde quasi einer Zwangssozialisierung zu unterziehen ist Tierquälerei!

Berücksichtigt man dabei, was die Auslandsschlepper den potenziellen „Adoptanten“ an standardisierten Informationen über ihre zukünftigen Familienmitglieder anbieten, ist klar: Die Katastrophe ist vorprogrammiert (vgl. dazu das eindrückliche Beispiel der Vermittlungstexte von Dobermann Nothilfe im Anhang zu Aua1431).

 

    

 

Prägung – was ist das?

von Nina Taphorn

 

Unfassbar, wie sehr sich gegen die Erkenntnis gesperrt wird, dass zu einem gedeihlichen Zusammenleben mit einem Hund die Prägung auf den Menschen gehört. Prägeversäumnisse lassen sich nie mehr nachholen. Mit fehl- oder mangelgeprägten Hunden wird es im Zusammenleben immer schwieriger sein als mit auf Menschen geprägten Hunden.

Doch die meisten Tierschützer bestehen darauf, das Allheilmittel „Liebe“ auf Straßenhunde anzuwenden, die eigentlich nichts weniger wollen, als in Wohnungen gesperrt und von unbekannten Wesen, die sie ständig umarmen, verfolgt zu werden. Da sind dann die Tierschützer schlauer als die Wissenschaft, die die Bedeutung der Prägephase des Hundes schon lange belegt und die in epischer Breite Einlass in Ratgeberliteratur gefunden hat, wie man einen seriösen Hundezüchter findet.

 

„Wühltisch-Welpen“ nein – Streuner ja!

Prägung? Ach wo! Für Straßenhunde braucht man nichts als guten Willen! Wer dies am Auslandstierschutz kritisiert, läuft Gefahr, eine dieser modernen Hetzkampagnen auf sich zu ziehen. Dabei ist es unseriös vom Tierschutz, vor Welpenhändlern zu warnen, die ihrer „Ware“ keine vernünftige Aufzucht bieten und die in der Folge auftretenden psychischen und physischen Schäden bei den Hunden aufzuzählen, bei Straßen- und Tötungsstation-Hunden aber so zu tun, als seien sie nach der Eingewöhnung die besten Haushunde, die man sich denken kann. Sollte der Straßenhund tatsächlich ein gedeihlicheres Aufwachsen erlebt haben dürfen als der „Wühltisch-Welpe“, dann entfällt leider die Notwendigkeit, ihn zu „retten“ – oder? Was für eine tierschützerische Zwickmühle!

 

Warum fliehen Hunde vor ihrem Besitzer?

Ein Straßenhund hat sicherlich Stress in seinem Leben, mal mit Artgenossen, mal mit Menschen. Flucht, Kampf und Ruhepausen ergeben ein Auf und Ab von Erregung und Erholung. Der Dauerstress aber, dem Hunde durch eine völlig neue, unbekannte Lebenssituation ausgesetzt sind, kann sie krank machen. Kein Organismus übersteht die ständige Sympathikuserregung und einen strapazierten Stoffwechsel von Stresshormonen. Irgendwann kollabieren die Nieren, evtl. auch andere Organe oder es ergeben sich komplexe Probleme wie Abmagerung oder Harnverhalten. Oder die permanente Überforderung führt zu den Handlungen, mit denen der Hund vorher auch schon den Stress reduziert hat. Meist ist es die Flucht, seltener der Kampf.

Ein wenig seltsam muten in diesem Zusammenhang Ratschläge wie der von der Tierärztin Sabine Roeb an, die auf die Prägephase der Hunde hinweist und vorschlägt, man solle nach dem Vorleben des Hundes fragen. Mal ganz abgesehen davon, dass dies meistens unbekannt ist, werden ständig falsche Tatsachen kolportiert wie beispielsweise, dass die Hunde in Tötungsstationen allesamt Straßenhunde seien, oder es werden laienhaft Schlussfolgerungen aus dem Verhalten der Hunde gezogen, wie es der Besitzer von Sarah vormacht. Sie müsse Schlimmes durchgemacht haben, denn sie verkrieche sich unterm Bett. Soll man jetzt ironisch werden und sagen, ja, natürlich, sie wurde von Tierschützern erwischt und vermittelt?

Völlig falsch ist es, zu glauben, dass Tierschützer automatisch in der Beurteilung von Hundeverhalten kundiger wären als dieser naive Hundebesitzer.

 

Überraschung garantiert inklusive

Die Frage nach dem Vorleben greift sowieso zu kurz, bedenkt man, dass Prägung beim Hund nicht in der Art der Prägung einer Münze stattfindet – zack!-fertig. Durch die Art der Prägung und Sozialisation sind unendlich viele Grade von Scheu und Zahmheit, Kontaktfreude und Fluchtverhalten, Kooperation mit dem Menschen oder dessen Vermeidung, sowie Mischformen wie Genießen von Körperkontakt bei jeglicher Vermeidung gemeinsamen Spiels beim Hund erreichbar. Wer will diesen Werdegang bei einem Hund aus der Tötungsstation nachvollziehen?

Ehrlicher wäre es, zu sagen, dass (falls) man sich fachkundig ein Bild von dem Hund gemacht hat, doch ein solcher Hund immer noch ein Überraschungspaket ist. Das weiß aber jeder, der sich mit solchen Hunden gut genug auskennt. Wer darüber belehrt werden muss oder diese Herausforderung gar auf die leichte Schulter nimmt, ist offenbar ahnungslos und ungeeignet.

 

Vom Regen in die Traufe

Leider wird die Verfolgung eines auf Menschen nicht geprägten Hundes von den neuen Besitzern häufig intensiviert, wenn sie der Überzeugung sind, der Hund habe vieles „mitgemacht“. Schließlich will man das Menschenbild dieses Hundes mit viel Liebe geraderücken. Da gilt schon das Bekenntnis, den Hund zwischendurch in Ruhe zu lassen, als Fachsimpelei.

Leider gibt es nichts zu rücken, denn der Hund hat wahrscheinlich gar kein Menschenbild. Aber die Medien zeigen, wie liebevolle Hundebesitzer ihre Angsthasen „zähmen“. Es fehlen Berichte von kundigen Hundebesitzern, die gelernt haben, mit der gewissen Distanziertheit eines nicht auf Menschen geprägten Hundes zu leben. Sie wissen, dass die Nähe, die ein normaler Haushund seinen Leuten bietet, für diese Hunde Dauerstress ist. Artgenossen bleiben für diesen Hund wichtiger als Menschen und er neigt in bestimmten Situationen zu Reaktionen, die seiner Überforderung geschuldet sind. Der kundige Besitzer kann sich jedoch gut in die Lebenswelt seines Halb-Wildlings hineinversetzen und so etwas managen. Ein bisschen was geht meistens, denn jeder Hund ist sozial.

 

Der Weg ist das Ziel

Solch ein Hund ist und bleibt eine Herausforderung, aber nicht für Ehrgeizlinge, die solche Halb-Wildlinge an sich binden und dressieren wollen, um ihr Ego zu boostern, sondern für Menschen, die dem Hund den Raum lassen, den er braucht, und die Bindung abverlangen, die er eingehen kann, und die ausreichend ausgebildet sind, um diese Dinge zu erkennen und durchzuführen.

Die Zuneigung zum Hund zeigt sich hier in großem Respekt vor dem Wesen des Hundes und seinen Chancen und Defiziten. Der Hund wiederum würdigt diesen Respekt mit Angeboten sozialer Interaktion an den Menschen im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner schrittweisen Anpassung an sein neues Leben.

 

Liebe mal nicht einseitig

Liebe zu solchen Hunden heißt, sich selbst zurückzunehmen. Tierschützer (aner-)kennen bedauerlicherweise diese Form von Liebe zu Hunden nicht. Leider! Sie fordern den Verzicht ganztags berufstätiger Singles auf Hundehaltung und erkennen in einer solchen Einstellung mehr tierschützerisches Gedankengut als in der krampfhaften Anschaffung von Tieren. Doch bei Hunden aus dem Süden schlägt dieser Gedankengang plötzlich Haken. Mitleid und guter Wille sind bei Ex-Streunern ausreichende Voraussetzungen für die Haltung.

Entweder meint man, im Süden hätten es die Hunde so schlecht, dass wirklich jede Vermittlung eine Verbesserung darstellt, oder man bedient sich munter der Produktpalette der niemals still stehenden Hundefabrik im Süden und verkauft, was das Zeug hält. Geeignete Halter in ausreichender Zahl für die große Menge von Hunden zu finden, die nach Deutschland importiert wird, ist unwahrscheinlich. Also geht doch wieder Quantität vor Qualität. Genau das wirft man auch den Hundehändlern mit ihren „Wühltisch-Welpen“ vor.

      

    

 

Mit dieser Warnung steht Nina Taphorn nicht allein. Nur die seriöseren unter den Tierschützern informieren ehrlich und kompetent über die lebenslange Katastrophe von Prägedefiziten. Ein schönes und gut lesbares, weil auf Fachchinesisch verzichtendes Beispiel findet sich bei der Problemhunde-Hilfe Sauerland: „Die Folgen schlechter Prägung“.

Sehr detailliert und den einzelnen Prägephasen zugeordnet informieren auch diese Zwergrauhhaarteckelzüchter über das Thema.

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Nina Taphorn ist regelmäßige Gastautorin auf Doggennetz.de. Bisher von ihr erschienene Kommentare und Texte:

 

vor jeder Aua-Zählung: hier und hier;
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Nina Taphorn hat dieses Buch über Auslandshunde geschrieben!