Aua23: Glorifiziert der WDR Animal Hoarding?


{TS-Kritik}
 
 

Tierschutzskandal Zarenhof: Welche Rolle bei der Genese solcher pathologischen Tierhaltungen spielen eigentlich die Medien? Diese Frage wird bisher nicht diskutiert; wie viele andere wichtige Fragen auch nicht. Dabei ist sie über alle Maßen berechtigt. Und das nicht nur, weil gerade im Fall Zarenhof die Medien strukturell beteiligt sind. Zum einen ist die Vermieterin eine prominente Moderatorin, die bei der Aufarbeitung des Skandals jetzt auch auf die für sie leichter verfügbare mediale Infrastruktur zurückgreifen kann. Zum anderen war die Animal-Hoarderin selbst nahezu ein Medienstar, hatte immer wieder Auftritte im Fernsehen, sowohl bei VOX wie auch beim WDR in der Sendung Tiere suchen ein Zuhause.

Die Verantwortung der Medien

Liest man die Zeugenberichte auf der Site von Sonja Zietlow, wird immer wieder darauf hingewiesen, wie sehr sich die Menschen, die Kontakt mit dem Zarenhof und seiner Betreiberin hatten, von deren medialer Berühmtheit in Wahrnehmung und Bewertung des Wahrgenommenen eingeschüchtert fühlten und begrenzt waren. Auch die Tierschützer, die den Zarenhof mit Hunden beliefert haben, verweisen zu ihrer Entschuldigung auf die Fernsehauftritte der Gesa K.

Deshalb war mit besonderer Spannung zu erwarten, wie nun der WDR mit seiner Verantwortung zu dem Thema umgehen würde. Der Einspielfilm dazu dokumentierte sachlich die Fakten. Verschiedene O-Töne von Sonja Zietlow selbst, Martin Rütter hinsichtlich der Bewertung des Hundeleids sowie Thomas Schröder, Geschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes, gaben weitergehende Informationen. Tief beeindruckend die Zivilcourage einer Tierschutzorga, die den Zarenhof ebenfalls mit Hunden beliefert hatte, sich aber offensichtlich nicht ihrer Verantwortung entzieht.


Verharmlosender Moderatorenkommentar

Claudia Ludwig selbst verharmloste in ihrem knappen Moderatorenbeitrag die Tatsache, dass Tiere suchen ein Zuhause dieser Frau mehrfach eine Plattform geboten hatte, mit dem todmüden Klischee vom „schwarzen Schaf“.

Eine offizielle Anfrage von Doggennetz.de an die Redaktion der Sendung stellt u. a. die Frage, welcher Mechanismen sich diese Sendung bedient, um die schwarzen von den weißen Schafen zu sondern und für die Zukunft eher garantieren zu können, dass solche „schwarzen Schafe“ nicht auch noch medial promotet werden.

Auch der redaktionelle Text auf der Website der Sendung handelt deren Verantwortung in einem einzigen Satz ab: „Die Mieterin galt bis dahin als eine hoch geschätzte Tierschützerin und hat auch mehrfach bei Servicezeit: Tiere suchen ein Zuhause Hunde vorgestellt.“

Die Hunde zuliefernden Tierschützer berufen sich auf die Fernsehauftritte der Animal-Hoarderin; das Fernsehen beruft sich auf „hoch geschätzte Tierschützerin“. So wird die Verantwortung endlos hin- und hergeschoben!

So weit, so schlapp.

Applaus für neue Tier-Haufen

Sehr viel aufschlussreicher über die Einstellung der Sende-Verantwortlichen zu diesem Thema war dann aber ein anderer Einspielfilm. Die dramatische Symbolik des Handlungsortes – ebenfalls die Eifel – kann man noch unter Zufall abbuchen?

Und dann wird in glorifizierender Bildlichkeit eine Tierärztin im Hof ihres Zuhauses porträtiert, die ebenfalls das tut, was Tierschützer doch so schätzen: arme Kreaturen aufnehmen. So lange die Bilder wie hier noch „schön“ sind, der Boden sauber, die Halterin anwesend und streichelnd, so lange ist Animal Hoarding gut? Dass aber die gezeigte Bestandsquantität auch schon wieder längst jenseits vernünftiger Zahlen liegt, scheint niemanden aufzufallen: mehrere Hunde, sehr viele Katzen, Hühner, Kaninchen. All diese Kreaturen natürlich wieder einmal die Ärmsten der Armen, was vorrangig bedeutet: besonders viel Pflege und Zuwendung sind notwendig.

Dem Ganzen die Krone auf setzt die Moderatorin Claudia Ludwig in ihrem Kommentar nach dem Einspieler, der sinngemäß besagte, dass „wir“ (der tierliebe Teil der Bevölkerung und die Tierschützer) „solche Menschen“ brauchen.

Solche Menschen braucht die Gesellschaft nicht

Nein, Frau Ludwig, solche Menschen brauchen wir gerade nicht! Wie schnell nämlich solche Tierhaltungen aus dem Ruder laufen, genau das haben Sie in Ihrer eigenen Sendung in dem Einspieler über den Zarenhof dokumentiert. Zarenhof & Co. stehen am Ende einer Entwicklung, die exakt so, wie in diesem Einspieler dargestellt, beginnen kann (natürlich nicht muss).

Der dokumentierte Bestand geht weit über ein vernünftiges Maß hinaus. Und nur weil die Halterin hier Tierärztin ist, stellt diese Qualifikation keine Garantie dafür da, dass die Tierhortung nicht aus dem Ruder läuft. Animal Hoarding ist eine Krankheit. Krankheiten aber können jeden befallen – auch Tierärzte!

Wie viele Tierärzte kennt man, deren Praxis so mies läuft, dass sie jede Menge Zeit für ihre eigenen Tiere haben? Wie viele Mitarbeiter sind bei dieser Tierärztin dafür eingestellt, lediglich deren Privatbestand während der beruflich notwendigen Abwesenheit zu versorgen? Darüber gab das glorifizierende Filmchen leider keine Auskunft.

Und: Wenn es eine gute Werbung für einen Tierarzt gibt, dann ist es diese. Selbst wenn diese Praxis bisher nicht so viel Zulauf hatte, nach dieser Sendung hat sie ihn ganz bestimmt.

Oder macht man es sich wirklich so einfach, erst dann das Etikett Animal Hoarding herauszukramen, wenn Tierleid beginnt?

Selbst wenn diese Tierhaltung kontrolliert und artgerecht bleibt – muss man auf die Bewerbung einer solche Hortung nicht gerade jetzt und exakt an dem Sendetag, an dem der Zarenhof behandelt wird, schon aus medienpädagogischen Gründen verzichten? Wie viele kranke und einsame Seelen auf dem Sofa vor dem Fernseher am Sonntagabend werden sich diese falsche Idylle wieder zum Ansporn nehmen? Denn Fakt ist und bleibt nach wie vor: Wer Wildschweine im Wohnzimmer aufzieht, irgendwelche Enten in der Badewanne oder einfach nur so Tiere hortet, hat die größten Chancen, ins Fernsehen zu kommen; wahlweise am Anfang (wie hier) oder am Ende seiner Karriere (wie beim Zarenhof).

Gerade weil die Medien im Tierschutz eine zunehmend wichtigere Rolle spielen, wird Doggennetz auch in Zukunft ein kritisches Auge auf die einschlägigen Sendungen richten. In dieselbe Rubrik gehören ja auch die mehr als merkwürdigen Vorgänge beim MDR (vgl. dazu Aua10, Aua11, Aua12, Aua15, Aua16 und ganz besonders Aua18, der offene Brief an den MDR-Intendanten, der noch seiner Antwort harrt).

Noch eine Skurrilität am Rande: Seit wann darf man kranke Menschen (vgl. das auf einschlägigen Fachpublikationen beruhende korrekte Statement meines „Freundes“ Thomas Schröder in der Sendung) als „schwarze Schafe“ bezeichnen?